Zivile, gewaltfreie Konfliktbearbeitung
Übersicht
Unser Verständnis der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung
Wir verstehen unter ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung (ZBK) die Bearbeitung von potentiell gewaltträchtigen Konflikten durch konstruktive Methoden, die auf Gewaltanwendung verzichten. So kann zivile, gewaltfreie Konfliktbearbeitung zur Alternative für militärische Konfliktregelung werden, aber auch im Inland eine neue Konfliktkultur befördern.
Zivil wird im engeren Sinne als zivilgesellschaftlich oder zivilisiert verstanden, im weiteren Sinne wird es als „nichtmilitärisch“ verwendet und schließt dann polizeiliche Mittel mit ein.
Gewaltfrei meint den Verzicht auf jede Gewaltanwendung. Dies steht in der Tradition gewaltfreier Bewegung.
Konflikt meint einen Interessengegensatz sozialer Akteure, wobei Konflikte auch als etwas positives verstanden werden, da sie Entwicklung voranbringen, solange sie gewaltfrei ausgetragen werden.
Eine Einführung gibt der Artikel von Bernd Rieche; 1*1 der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung. In: AGDF: Zivil statt militärisch (bestellen oder download)
Geschichte und Hintergrund der ZKB
Die Wurzeln der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung sind vielfältig, sie gehen auf einen jahrhundertealten Einsatz für Frieden und Gewaltfreiheit zurück, zu nennen sind besonders:
- Die Friedenskirchen wie Mennoniten, Quäker oder Church of the Brethren
- die gewaltfreien Bewegungen und der gewaltfreie Widerstand, der durch Namen geprägt wird wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King; aber auch die gewaltfreien Blockaden in Wackersdorf oder Gorleben, oder die Wende in Ostdeutschland und Osteuropa
- Die Friedensdienste mit ihren Freiwilligendiensten
- Die Konzepte der sozialen Verteidigung von Theodor Ebert und anderen
- Die Entwicklung des Zivilen Friedensdienstes
- Die Arbeit der Entwicklungsdienste an den strukturellen Ungerechtigkeiten
- Die Friedens- und Konfliktforschung.
In jüngerer Zeit wird zivile Konfliktbearbeitung auch zunehmend von staatlichen Stellen als Aufgabe aufgegriffen und unterstützt. ("Aktionsplan Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung" der Bundesregierung, Förderprogramme des Auswärtigen Amtes und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit)
Eine Einführung gibt der Artikel von Hagen Berndt: Wurzeln und Geschichte der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung. In: Zivil statt militärisch (bestellen oder download)
Einsatzfelder der ZBK in Deutschland
Eine Verständigung über Konzepte der zivilen Konfliktbearbeitung in Deutschland findet erst langsam statt. Wenn Zivil als nicht-militärisch verstanden wird, dann gibt es glücklicherweise keine Notwendigkeit für eine Zivile Konfliktbearbeitung in Deutschland. Im Sinne einer zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung gibt es jedoch großen Bedarf, auch in Deutschland gibt es vielfältige Formen von Gewalt: Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus, aber auch zunehmend strukturelle Gewaltbedingungen wie Gettoisierung von Stadtteilen, Gewaltbereitschaft von Jugendgruppen, z.B. mit Migrationshintergrund. Hier sind die Methoden und Konzepte der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung gefragt.
Erste konzeptionelle Überlegungen für eine Zivile, Gewaltfreie Konfliktbearbeitung in Deutschland fanden während des Heidelberger Gespräches 2002 statt. Eine Tagung der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung zusammen mit der Evangelischen Akademie im Rheinland ist im November 2006 dieser Frage weiter nachgegangen.
Aber auch friedenspolitische Arbeit und Kampagnen können als Beitrag einer globalen zivilen Konfliktbearbeitung verstanden werden (siehe lokale Friedensarbeit in Deutschland) Ebenso Bildungsarbeit in Schule, Ausbildung etc., wie sie der Qualifizierungsverbund der AGDF anbietet.
Einsatzfelder der ZBK im Ausland
Gewaltsame, kriegerische Austragung von Konflikten ist leider immer noch häufig in der Welt anzutreffen. Auch wenn klassische Kriege zwischen Staaten heute eher die Ausnahmen sind, haben sogenannte ethno-politische Konflikte innerhalb von Staaten zugenommen.
Besonders hier gilt, dass nachhaltige Konfliktbearbeitung von den vor Ort Lebenden am besten gemacht werden kann – sie sind die Betroffenen aber auch die Experten der jeweiligen Situation. Friedenswillige Menschen gibt es in jedem Konflikt – Unterstützung von Außen kann aber notwendig, manchmal auch überlebensnotwendig sein.
Diese Unterstützung kann durch Bereitstellung von Ressourcen wie Geld für Infrastruktur und Material oder Qualifizierung sowie Begleitung und Lobbyarbeit erfolgen, zum Beispiel mit internationaler Aufmerksamkeit durch Kontakte zu Medien und Regierungen. Oft ist die Mitarbeit von externen Friedensfachkräften hilfreich – sie können eine unabhängigere Sichtweise für den Konflikt mitbringen oder als „Neutrale“ zwischen verfeindeten Parteien vermitteln.
Einen Überblick, einschließlich Projektbeispielen, bietet das Heft der AGDF: Zivil statt militärisch. Erfahrungen mit ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung im Ausland. (bestellen oder download)
Methoden der ZKB
Das Lehrbuch der Methoden der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung gibt es nicht. Vielleicht kann es dieses auch nicht geben. Die Ansätze und Akteure sind immer vielfältig und müssen es auch sein, da kein Konflikt dem anderen gleicht und immer vielschichtig ist.
Eine Einführung über Grunderfahrungen und Methoden gibt der Artikel von Bernd Rieche: 1 * 1 der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung. In: Zivil statt militärisch. Erfahrungen mit ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung im Ausland (bestellen oder download)
Qualifizierung für die ZKB
Praxisnahe Qualifizierung für jede und jeden, aber auch für die berufliche Anwendung bietet der Qualifizierungsverbund der AGDF. Darüber hinaus bieten einige Hochschulen inzwischen Studiengänge in Friedens- und Konfliktforschung an.
Friedens- und Konfliktforschung
Qualifizierte Konfliktbearbeitung braucht die Auseinandersetzung mit Wissenschaft – durch Entwicklung von Konzepten und Hinterfragen des Getanen, durch Evaluation. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland haben sich in der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) zusammengetan. Dem Transfer der Friedens- und Konfliktforschung dient die Arbeitsstelle Friedensforschung Bonn. Die AGDF führt jährlich mit der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) ein Heidelberger Gespräch als Forum für Menschen aus Praxis und Wissenschaft der Friedensarbeit durch. Die Protokolle der letzten Jahre sind veröffentlicht.
Das Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung ist eine weitere wissenschaftliche Institution, die sowohl durch praxisorientierte Forschung als auch durch konkrete Unterstützung von Friedensinitiativen vor Ort längerfristige Friedensbildungsprozesse begleitet und unterstützt.
ZKB als Thema der politischen Bildungsarbeit
Zivile Konfliktbearbeitung braucht Unterstützung. Nur wenn der Vorrang der zivilen Mittel durch politisch aktive Menschen immer wieder eingefordert wird, wird die zivile Konfliktbearbeitung sich durchsetzen können. Dafür braucht es Information und Bewusstseinsbildung. Erste methodische Hinweise für die Jugend- und Erwachsenenbildung sind in der Broschüre "Zivil statt militärisch. Erfahrungen mit ziviler, gewaltfreier Konfliktbearbeitung im Ausland " enthalten. Referent/innen und Trainer/innen zum Thema können Sie durch den Qualifizierungsverbund der AGDF vermittelt bekommen.
Im Rahmen des Projekts "Zivil statt militärisch" gibt es die Möglichkeit, Friedensfachkräfte zum Berichten ihrer beruflichen Erfahrungen in die eigene Gemeinde einzuladen. Außerdem gibt es eine Broschüre mit Hintergrundinformationen zur ZKB.
Mit Unterstützung der EKD, der Rheinischen Kirche, der Ev. Akademie zu Berlin und dem EED wird ein Policypapier "Vorrangige Option der Gewaltfreiheit" erstellt. Dieses soll Grundlage für Gespräche auf bundesdeutscher und europäischer Ebene mit Entscheidungsträgern aus Kirche und Politik sein.
Wie engagiert sich die AGDF?
Die AGDF war an der Entstehung des neuen „Themenfeldes“ ZKB in den 90-er Jahren beteiligt. Sie war 1998 Gründungsmitglied des offenen Netzwerks Plattform Zivile Konfliktbearbeitung und 2003 der Arbeitsgemeinschaft Ziviler Friedensdienst in Deutschland (ArGe ZFDiD) [www.zfd-deutschland.de]. 1999 war sie am Aufbau des Zivilen Friedensdienstes, einem Gemeinschaftsinstrument des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und zivilgesellschaftlicher Friedens- und Entwicklungsorganisationen, beteiligt.
Mitglieder der AGDF, die sich im Qualifizierungsverbund zusammengeschlossen haben, bieten seit den 90-er Jahren Qualifizierungskurse in ZKB an. Die AGDF führt zudem im Bereich ZKB verschiedene Aktionen durch wie die Aktion „Zivil statt militärisch“ und das Projekt „Vorrang für Gewaltfreiheit“ im Bereich der evangelischen Kirche.

